Einblicke in Jōshin Kokyū Hō

übersetzt Marc Elfroth

 In Mikao Usui´s Lehren finden wir eine Meditationstechnik, die Joshin Kokyu Ho genannt wird. Joshin Kokyu Ho ist eine essenzielle Meditationstechnik, die durch alle Ebenen des Systems des Reiki ausgeführt wird, und deshalb für den Rest unserer Leben ausgeführt werden kann.

Aber worum geht es in Joshin Kokyu Ho ?

Übersetzung

Lasst uns zuerst das kanji von Joshin Kokyu Ho betrachten.

淨 Jo bedeutet klar, rein, unbefleckt, ohne verunreinigung, transparent

心 shin bedeutet Herz, Geist, Essenz, der Geist als Prinzip des Universums, der erleuchtete Geist

呼吸 Kokyu bedeutet aus- und einatmen, Atem

法 Ho bedeutet Methode, Dharma, Prinzip

Also können wir Joshin kokyu Ho folgendermassen übersetzen:

Das Prinzip des Reinen Geistes/Herzens durch ein- und ausatmen

Die Methode, unseren erleuchteten Geist durch ein- und ausatmen zu erkennen

Und so, wenn wir Joshin kokyu Ho täglich viele jahre ausüben beginnen wir das Prinzip zu erkennen, dass unser Geist/Herz so rein wie das Universum ist.

Entsprechend einem japanischen Aikidoka, bedeutet Kokyu Ho auch „arbeiten in perfekter Harmonie“

Wir könnten auch sagen, dass Joshin Kokyu Ho übersetzt werden kann als „ Das Prinzip des reinen Geistes/Herzens der in perfekter Harmonie mit dem Universum zusammenarbeitet“

Die Ausführung

1. Sitze und Gassho

2. Lege die Hände auf deinen Schoss, die Handflächen nach oben

3. Mit jedem Atemzug einatmen, spüre eine helle Energie durch die Nase kommen und bringe sie zum Hara/tanden, kurz unterhalb deines Nabels. Wenn du dies tust, visualisiere die Verbindung zwischen Atem und deinem Geist

4. Fühle die helle Energie, den Atem und den Geist, wie sie sich in deinem Körper ausdehnen

5. Beim Ausatmen, dehne die helle Energie aus, den Atem und den Geist ausserhalb deines Körpers, durch deine Haut, nach aussen in die Unendlichkeit.

6. Wiederhole die Stufen 3-5 bis zum Ende.

Am wichtigisten ist es, dass der Geist Hara/Tanden gebracht wird, und dass der Geist durch den Körper und in die Unendlichkeit ausgedehnt wird. Das helle Licht und den Atem zu visualisieren sind Hilfen hierzu.

Die Ausübung von Joshin Kokyu Ho ähnelt auch bestimmten Visualisierungs Meditationspraktiken im japanischen esoterischen Buddhismus, wie zum Beispiel Expansionsvisualisierungen ( jap.: Kakudai-ho), Durchdringungs Visualisierungen ( jap.: Shinto-ho )und bestimmte Mondscheiben Visualisierungen ( jap.: gachirin-kan ).

Insights

Einblicke

Das Einatmen in die Nase und den Geist zum Hara/Tanden zu bringen ist die erste Stufe der Übung. Dies ist eine wichtige Stufe, weil es uns hilft, unseren Geist zurück in unseren Körper und unter Kontrolle zu bringen, so dass wir von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft nicht abgelenkt werden können. Und weil das Hara/Tanden knapp unterhalb des Nabels ist, hilft es, uns zu zentrieren und zu erden. Aber dies ist nur die erste Stufe. Wenn unser Geist am Hara/Tanden stoppt, werden wir die Hauptsache von Joshin Kokyu Ho verfehlen, weil joshin Kokyu Ho so viel mehr ist! Es geht viel weiter als uns nur zu erden.

Zen Meister Takuan Soho beschreibt in seinem Buch „der entfesselte Geist“, warum es wichtig ist, nicht im Hara/Tanden zu stoppen:

„Du solltest deinen Geist nicht in dir selbst platzieren. Den Geist im Körper einzuschliessen, einzuklammern ist etwas, das nur am Beginn des Übens gemacht wird, wenn jemand ein Anfänger ist.“

„Aber vom höchsten Standpunkt des Buddhismus aus gesehen, ist, deinen Geist unterm Nabel festzuhalten und ihm nicht erlauben, zu wandern , eine niedere Ebene des Verständnisses, nicht eine hohe. Es ist auf der Ebene von Disziplin und Übung.“

Aus einer Perspektive der traditionellen Meditationspraxis, können wir sagen, dass das Atmen ins Hara und den Geist zu beruhigen für einen Moment eine Shamatha Meditationspraxis ist ( den Geist in einem einzelnen Objekt beruhigen ). Und das Ausdehnen des Geistes und ihn weit geöffnet zu halten ist eine Vipashyana Meditationspraxis ( klar sehen, dass es kein „Ich“ gibt). Die Kombination beider Übungen ist ein klassischer Weg tieferer Lehren im Buddhismus.

In seinem Buch „Leuchtende Klarheit: Ein Kommentar von Karma Chagme´s Einheit von Mahamudra und Dzogchen“, schreibt Khenchen Thrangu über manche dieser Lehren und dem Vorteil der Kombination dieser Praktiken:

„Wie auch immer, wenn Vipashyana ohne die begleitende Kultivierung von Shamatha kultiviert wird, dann werid die Vipashyana Meditation ein kleines Boot, das in der stürmischen See unseres kontrollierten Geistes umhertreibt.“

„Es ist so, dass wir nur durch sorgfältiges Kultivieren von Vipashyana unterstützt mit Shamatha Meditation unsere störenden Emotionen bezwingen können.“

Ja, es ist wichtig, unseren Geist im Hara/Tanden zu beruhigen, zum erden und fokussieren, speziell für einen Anfänger. Aber in Mikao Usui´s Stil des Joshin Kokyu Ho fokussierst du auf Hara/Tanden und dehnst den Geist aus in die Unendlichkeit. Den Geist in Hara/Tanden zu fokussieren ist die Grundlage um den Geist in die Unendlichkeit auszudehnen.

Tatsächlich weist Mikao Usui durch die Benennung des Joshin Kokyu Ho darauf hin, warum man den Geist nicht im Hara/Tanden halten/stoppen soll.

Koichi Tohei beschreibt Kokyu in seinem Buch “Aikido, die Koordination von Geist und Körper zur Selbstverteidigung“ als:“Kokyu ist, in klaren Worten, die Bewegung deines Ki oder die Bewegung deines Körpers deinem Ki folgend. Wenn du starkes Kokyu hast, ist dein Körper mit kraftvollem Ki gefüllt...“

Koichi Tohei entsprechend, ist Kokyu die Bewegung deines Ki. Und wenn diese Bewegung des Ki stark ist, ist dein ganzer Körper mit kraftvollem, machtvollem Ki angefüllt, folgernd der Ausdehnung des Geistes durch deinen Körper während Joshin Kokyu Ho. Wenn wir unseren Geist nur in Hara/Tanden beruhigen, wird unser Geist und unsere Energie nur an einem Ort festgehalten. Dies ist für einen Anfänger, doch wenn wir tiefer gehen wollen, müssen wir in die Unendlichkeit ausdehnen. Das Ki muss sich durch deinen ganzen Körper bewegen und nicht an einem Ort festgehalten werden.

Warum müssen wir unseren Geist in die Unendlichkeit ausdehnen? Weil wir erkennen müssen, dass unser Geist rein wie das Universum ist. Das Universum ist unendlich; es gibt keinen Anfang oder Ende. Und so beginnen wir durch tägliches praktizieren von Joshin Kokyu Ho langsam zu erkennen, dass unser Geist unendlich ist wie das Universum. Das Universum steht nicht an einem Punkt still- es ist unendlich offen und dehnt sich aus.

Aber diese direkte Erfahrung muss auf Hara/Tanden basieren; es ist unser Startpunkt. Wenn wir nicht von Hara/Tanden aus ausdehnen, werden wir es sehr schwer haben diese Einheit zu erkennen. Dadurch, durch das Verbinden von Hara/Tanden und der Ausdehnung in die Unendlichkeit schlug Mikao Usui zwei Fliegen mit einer Klappe- Erden-Zentrieren und Ausdehnung in die Unendlichkeit. Erkennend, dass unser Geist immer ausgedehnt ist wie unendlicher Raum, wird unser Geist nicht an einem Punkt stoppen, er ist dann einfach offen. Daher das Wort Aufgeschlossenheit. Wenn wir aufgeschlossen sind, können wir alles und jeden berücksichtigen/aufnehmen. Wenn unser Geist an einem punkt gefangen ist, werden wir engstirnig und werden Sschwierigkeiten haben, alles und jeden zu berücksichtigen/aufzunehmen.

Zen Meister Takuan Soho drückt dies in seinem Buch „der befreite/entfesselte Geist“ aus, warum es so wichtig ist, den Geist in die Unendlichkeit auszudehnen und nicht auf einen Punkt zu fokussieren.

„bedenkend, dass der tausendarmige Kannon tausend Arme an seinem einen körper hat, wenn der Geist an dem Punkt stoppt, einen Bogen zu halten, werden die anderen 99 nutzlos sein. Weil der Geist nicht an einem Ort festgehalten wird sind alle Arme nützlich.“

„...der Geist, der nicht letztendlich ruht wird unverrückbare Weisheit genannt.“

Wenn unser Geist nicht in Hara/Tanden festgehalten wird, sondern in den unendlichen Raum fliesst, sind wir in einem Zustand unverrückbarer Weisheit. Die unverrückbare Weisheit bedeutet nicht, dass unser Geist auf einen Punkt fokussiert ist, weil, wenn wir auf einen Punkt fokussiert sind, können wir abgelenkt werden und müssen unseren Geist wieder und wieder zu diesem Punkt zurückbringen. Unverrückbare Weisheit ist wo unser Geist weit offen ist, und es gibt nichts, was in diesem weit offenen Raum festgehalten, gegrifen werden kann. So wird der Geist durch nichts bewegt; hieraus folgt unverrückbare Weisheit. Gedanken kommen und gehen, doch weil in diesem weit offenen Raum nichts festgehalten werden kann, werden sie alle durch siech selbst aufgelöst. Keine Notwendikeit, den Geist zu irgendetwas zurückzubringen, keine Notwendigkeit, irgendetwas zu tun.... nur zu sein. 

Sogar in anderen buddhistischen Lehren werden wir angewiesen, dasselbe zu tun. Orgyen Chowang schreibt in seinem Buch „der unberührte Geist“ „enge den Bereich deiner Meditaion nicht ein. Versuche nicht, deinen Geist oder deinen visuellen Fokus an einem Punkt oder an einem bestimmten Ort zu verweilen.“

Orgyen Chowang erklärt dies näher :“ Wenn unsere Meditation as Fokussieren auf ein einzelnes Objekt beinhaltet, wie in der geistvollen Meditation, können uns Geräusche oder äussere Einflüsse von diesem Fokus wegbringen. Wenn aber unser Geist nicht auf ein besonderes Ding fokussiert ist, passiert der Lärm einfach unser Bewusstsein ohne unsere Meditation wirklich zu beeinflussen. Wenn wir versuchen, unseren Geist auf einem Punkt zu halten durch Fokussieren auf ein bestimmtes Objekt in der Meditation, ist unser Bewusstsein nicht ausgedehnt sondern an dieses eine Objekt gebunden. Aber wenn wir in unberührtem Geist bleiben und unsere Aufmerksamkeit nicht auf ein bestimmtes Objekt richten, passiert unser Bewusstsein den gesamten Raum, in dem wir sind. Jedes Geräusch passiert einfach unser Bewusstsein. Hinter einem bestimmten Punkt, wenn wir in unberührtem Geist bleiben, berühren uns sensorische Eindrücke der äusseren Welt nicht mehr.“ 

Mikao Usui drückte dies auch durch seine Lehre des Mantras hon sha ze sho nen in Okuden Reiki Level II aus. Hon sha ze sho nen wird wörtlich übersetzt als „Meine ursprüngliche Natur ist ein nicht-dualer Gedanke“, aber es steht auch für „meine ursprüngliche Natur ist der rechte (richtige) Geist.“

Zen Meister Takuan Soho beschreibt, was der rechte Geist ist:“ Der rechte Geist ist der Geist, der nicht an einem Ort bleibt. Es ist der Geist, der sich über das gesamte Universum ausdehnt.“

Er stellt auch fest, dass „wenn der rechte Geist erstarrt und sich an einem Ort niederlässt wird er zu dem, was verwirrter Geist genannt wird.“ 

Ein Schüler Mikao Usui´s schrieb dieses:“ menschliches Bewusstsein kann innerhalb eines Augenblicks überallhin im Universum gehen. Du musst dich bemühen, dein Bewusstsein schnell zu entwickeln und dich nicht zu lange auf die Symbole zu verlassen.“ Dies ist sehr ähnlich dem, das Takuan Soho ausdrückt.

Hon sha ze sho nen und Joshin Kokyu Ho sind zwei verschiedene Techniken/Wege zu demselben Geisteszustand, einem Geist, der geerdet und zentriert ist und doch unendlich weit offen und ausgedehnt. In diesem Zustand, kann unser Geist seine nicht-duale natur erkennen. Oder, in anderen Worten, bei Joshin Kokyu Ho geht es um die Erkenntnis, dass ich das Universum bin und das Universum ich bin.

„Ein ruhiger Geist der an nichts gebunden ist lässt echte Weisheit erscheinen“- Taisen Deshimaru

Und so können wir sehen, dass die tiefere Einblick in Joshin Kokyu Ho ist, dass wir durch dessen tägliche (Aus-)Übung unseren Geist von allen verwirrenden Gedanken reinigen können. Wenn wir dies tun, kann sich unser Geist ausdehnen und sein Einssein mit dem unendlichen Universum erkennen, so dass echte Weisheit erscheinen kann.

 

 


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