Die tiefere Bedeutung von Hara

Das Hara wird als eines der wichtigsten Aspekte im japanischen Leben und den spirituellen Praktiken seiner Menschen angesehen. Aber was ist es ganz genau?

Aus dem Japanischen übersetzt bedeutet Hara einfach Bauch, aber es gibt viel mehr zu diesem Neugierde erregenden Wort mitzuteilen. Auf einer tieferen Ebene dieses Wortes bedeutet Hara jemandes wahre Natur; mit der man wahrhaftig Mensch sein kann. Also ist es nicht nur ein physisches Zentrum im Körper, sondern auch das Zentrum unserer wahren Natur.

Nimm beispielsweise den japanischen Ausdruck hara o waru; aufschlitzen des Haras/Bauches. Dieser Ausdruck bedeutet nicht buchstäblich, dass jemand dies tut. Statt dessen repräsentiert es jemanden, der aufrichtig ist und die Wahrheit spricht – offen und freimütig. Wenn wir uns an unsere wahre Natur erinnern, dann sind wir komplett offen und zwanglos mit uns selbst und sprechen die Wahrheit. Das Wort Hara hat also eine tiefere Ebene als nur die simple Bedeutung Bauch.

Noch ein anderes Beispiel, das den nicht physisch gemeinten Sinn des Wortes Hara zeigt ist hara ga dekite iru; der Magen ist vollständig. Diese Redensart bedeutet in jeder Situation vollständig ruhig zu sein. In den japanischen geheimen Lehren erreichen die Praktizierenden einen (inneren) Raum in dem vollständige Ruhe/Stille erfahrbar wird, wie es sonst nur im Angesicht des Todes möglich ist – das ist hara ga dekite iru.


Der Kopf anstatt des Bauches

Das Wort Hara ist in Japan auch mit dem Wort Tanden (Chinesisch – Dantien) verkettet. Tanden wird aus dem Japanischen übersetzt als Zinnoberfeld und ist auch bekannt als Elixirfeld. Es kann also als eine Stelle im Körper verstanden werden, wo das Elixier des Lebens erzeugt wird.

In vielen westlichen Schulen wird die Meinung diskutiert ob Hara und Tanden das Gleiche sind. In Japan jedoch sind die Worte Hara und Tanden keine intellektuellen Konzepte. Sie sind stattdessen einer tatsächlichen Erfahrung zuzuschreiben.

Dies bringt uns zu einer allgemeinen Einstellung zur Spiritualität an der heutzutage gewöhnlich festgehalten wird, in dem Glauben, dass der spirituelle Pfad dem man folgt, sich in den energetischen Zentren im Kopf entfalten muss (genannt werden oft das dritte Auge oder das Kronenzentrum). Eine der hauptsächlichen Gründe dafür ist die moderne Sehnsucht Spiritualität eher vom Intellekt her begreifen zu wollen als vom Standpunkt des Erfahrens. Es scheint, dass ein Training vom Verstand aus einen unbalancierten energetischen Körper erschafft.

Stelle es dir folgendermaßen vor – wenn du deine Energie nur in deinem Kopf ausdehnst, ohne sie sich unter deinem Nabel oder einem tiefer gelegenen Teil deines Körpers ausbreiten zu lassen, dann wird deine Energie zu einer auf den Kopf gestellten Pyramide. Und das Problem mit einer auf den Kopf gestellten Pyramide ist die niedergedrückte Spitze, die sich nicht ausbalancieren kann und umstürzen wird.

In allen altehrwürdigen traditionellen spirituellen Praktiken wird zunächst ein solides Fundament gebraucht, um spirituell wachsen zu können. Dieses Fundament ist unter deinem Nabel zentriert.

Die Natur selbst reflektiert dies. Bevor ein Baum sich zum Himmel streckt, muss ihm zuerst ein vollständiges Wurzelsystem wachsen. Ohne es wäre der Baum den Einwirkungen jeder kleinen Wetteränderung unterworfen, die sich um ihn bewegt bis eines Tages ein Windstoß ihn umbläst.

Traditionell wurde es in Japan als vorteilhaft betrachtet, wenn jemand einen hervorstehenden Bauch hatte – das war ein Zeichen eines starken Hara und eines stabilen Lebens. In der modernen Welt jedoch verbergen wir unsere Bäuche und strecken unseren Brustkasten hervor. Ist es dir nicht schon in der Schule gesagt worden das zu tun? Dies ist der Beginn eine auf dem Kopf stehende Pyramide zu erschaffen.

Wenn du sitzende Meditierende siehst, ihre Beine überkreuzt oder im Fersensitz – dann ähneln sie physisch einer soliden Basis, des Fundaments einer Pyramide.

Professor Takashi Saito schreibt in seinem Buch Karada Kankaku wo Torimodosu (Wiederherstellen deiner Körperempfindungen), dass Menschen in Japan „in ihren 80gern und 90gern relativ häufiger Ausdrücke nutzen, die das Wort Hara (Magen) enthalten als Menschen jüngerer Generationen.“ So scheint es, dass gerade die Japaner sich von ihrem historischen und kulturellen Fundament das Hara zu sein, fortbewegen.


Eine praktische Annäherung

Die physische Stelle an der das Hara oder Tanden lokalisiert werden, ist einige Zoll unter dem Nabel innerhalb des Körpers, dem Rückrat näher als dem Nabel. Wie schon erwähnt ist nicht die physische Stelle so wichtig, sondern der energetische oder spirituelle Aspekt dieser Worte. In diesem Sinne kann die Erfahrung des Hara einfach das Hara sein genannt werden.

In der Praxis sprechen wir davon die Energie zum Hara herunterzuleiten. Es gibt noch viele Schichten in dem Konzept des Hara zu entdecken, also wohin genau leiten wir die Energie?

Im Training lernen und erfahren wir jeweils einen Schritt zu einer Zeit. Um das Studieren des Hara besser zu verstehen, wird gelehrt, das das Tanden der Fokus-Punkt im Bauch ist, während Hara unsere wahre Natur ist.

Aus diesem Grund weisen die Praktiken und Techniken für Anfänger den Verstand/Geist [mind] an sich auf das Tanden zu fokussieren – das hilft den Gedanken nicht umherzuschweifen. Diese Praktiken helfen dir ein volleres Verständnis über das Tanden zu gewinnen, weil dein Verstand/Geist [mind] ruhig wird und du weniger abgelenkt/zerstreut sein wirst. Dies ist der perfekte Weg um dein Training zu beginnen und je tiefer du dich einlässt, umso besser wirst du Veränderungen und Entwicklungen in deinem Leben verstehen.

Das mag viele Jahre der Praxis benötigen. Danach wirst du beginnen zu erfahren, dass das Tanden tatsächlich zum Hara geworden ist. Dieses Wachstum deines Verstehens ist verkettet mit einem klareren Verständnis dessen wer du bist. An dieser Stelle ist dein Verstand/Geist [mind] nicht mehr auf einen Punkt fokussiert, sondern verschmilzt mit allem.

Würde dein Verstand/Geist [mind] während der gesamten spirituellen Reise auf dein Tanden fokussiert bleiben, würdest du anhaftend und eingeschränkt werden.

An dieser Entwicklung des Hara hat der Verstand/Geist [mind] keinen Ort um stillzustehen, denn er ist überall gegenwärtig. Er ist komplett in Einheit mit dem Universum, ohne Anfang und ohne Ende. Er ist offen und ruhig. Das ist Hara, oder mit anderen Worten hast du deine wahre Natur wahrgenommen. Nun wird dein Geist niemals unschlüssig sein oder stocken; er ist wie Wasser das auf einen Felsen trifft, er fließt einfach um das Hindernis herum.

Die japanische Geschichte von der Katze und dem Sperling beschreibt diese Reise perfekt. Es war einmal eine Katze, die es liebte Sperlinge zu fangen. Diese Katze wurde nun unter Führung angeleitet was sie tun oder nicht tun sollte. Nach dem Training wurde sie herausgelassen. Wie sie es im Training gelernt hatte, war sie nun von den Sperlingen nicht länger abgelenkt und alle Tiere konnten in Harmonie miteinander leben. Wenn die Katze jedoch unter dieser Anleitung verbleiben würde, wäre sie für immer eingeschränkt und könnte niemals rennen und springen oder leben wie eine Katze es sollte.

Die Sperlinge repräsentieren unsere Verhaftungen (wie Sorge, Furcht usw...) und die Katze ist unser Verstand/Geist [mind]. Unser Verstand [mind] versucht an all diesen Verhaftungen festzuhalten. Uns selbst zu trainieren, uns hinzusetzen und unseren Fokus auf das Tanden zu richten, lehrt unseren Verstand/Geist [mind]. Nachdem wir lange Zeit praktiziert haben, können wir es sein lassen unseren Verstand/Geist [mind] auf den Tanden zu lenken und ihm erlauben frei zu reisen, ohne Ablenkungen, weil wir nun Hara geworden sind.


Hara und Heilen durch Handauflegen

Hara ist sehr wichtig, wenn wir das Handauflegen an uns selbst und anderen praktizieren. Es ist das Fundament der Heilung. Ohne es wird eine oberflächliche Form der Heilung praktiziert. Warum? Nun, wie können wir andere heilen, wenn wir keine Verbindung zu unserem eigenen Zentrum oder unserer wahren Natur (Hara) haben?

Wenn du jedoch Hara (die Verbindung zu deinem Zentrum oder deiner wahren Natur) hast, wird Heilung durch Handauflegen etwas vollständig anderes. Lege deine Hände auf jemanden und verbinde dich mit seinem Hara, Zentrum oder der wahren Essenz und Heilung findet auf einer viel tieferen Ebene statt.

Mikao Usui war anspruchsvoll indem er sagte, dass wir andere nicht heilen können, bevor wir uns selbst geheilt haben. Dies geschieht mittels der traditionellen Hara Praktiken die im Reiki-System gelehrt werden, mit denen Selbstheilung und eventuell die Heilung von anderen beginnt.


Praxis

Es gibt viele Meditationen und Techniken innerhalb der japanischen spirituellen- und Kampf-Künste, die dir helfen das Tanden und Hara zu lokalisieren. Da das Reiki-System eine japanische Praxis ist, basiert es auch auf diesen Traditionen. In unterschiedlichen Graden innerhalb des traditionellen Zweiges dieses Systems sind Variationen von Aspekten von Hara-Meditationen und –Techniken integriert.

In Shoden Grad 1, beginnen Reiki-Schüler ihr Verständnis von Tanden/Hara zu entfalten. Meditationen und Techniken bereiten den Schüler darauf vor diese Praktiken beizubehalten bis zum 2. Grad.

In Okuden Grad 2, sind die Techniken darauf fokussiert, das Erd-Hara (unter dem Nabel) und das Mind-Hara (im Kopf) zusammen zu bringen. Diese Mischung sammelt sich inmitten des Herz-Hara. In seinem Buch The Spiritual Foundations of Aikido, William Gleason (6ter Dan Aikido Lehrer der seit 40 Jahren praktiziert und von diesen 10 Jahre in Japan verbrachte) schrieb folgendes über die Entfaltung des Hara:
„Im Zentrum des Gehirns ist ein weiteres energieproduzierendes Zentrum oder Hara, aus dem ein neues Bewusstsein geboren wird. Wenn diese beiden Zentren (unter dem Nabel und im Kopf) kombiniert werden, kann eine große spirituelle Kraft realisiert werden ... Aikido tagein und tagaus zu praktizieren führt dazu, dass diese zwei Hara Zentren sich vertikal vereinen; der Wille wird in dem physischen Zentrum des Körpers verwurzelt und die überschüssige Aktivität des Verstandes/Geistes hört auf. Himmel (Verstand/Geist) und Erde (Körper) sind vereint mit dem Spirituellen (dem Willen). Auf diesem Weg wird die absolute Bedeutung von Hara, Körper-Geist, realisiert.“

In Shinpiden Grad 3, lernt der Schüler Techniken, die ihn weiter in den Raum des Hara hineinbewegen. Damit setzt er seine Entdeckungsreise zur eigenen wahren Natur fort.

(übersetzt aus dem Englischen, mit freundlicher Genehmigung des International House of Reiki, von Barbara Maria Piel)


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